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Rezept für ein Waldbad

Man nehme: einen Wald, zwei bis drei Stunden Zeit, eine kleine Wegzehrung, geeignetes Schuhwerk und setze – ganz ohne Ziel – langsam einen Fuß vor den anderen. Dabei atme man tief, spitze die Ohren, lasse den Blick gemächlich schweifen, schweige und spüre...

„Waldbaden“ nennt mancher Zeitgenosse seinen Abstecher in den nahegelegenen Forst und organisiert sich dazu grüppchenweise, gern auch in Verbindung mit angeleiteter Meditation.

Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Notwendig ist ein derartiges Styling für einen erholsamen Waldspaziergang allerdings nicht: Waldbaden kann jeder, und es funktioniert ebenso gut allein.

„Von den gesundheitlichen Effekten des Waldes profitiert jeder, der sich die Zeit nimmt, ganz bewusst mit der Natur auf Tuchfühlung zu gehen“, sagt Karin Kraft, Professorin am Stiftungslehrstuhl für Naturheilkunde der Universitätsmedizin Rostock. Ob Küsten- oder Gebirgs-, Nadel- oder Misch-, hiesiger oder japanischer Wald, das spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle.

Was den Waldbesucher fühlbar beeindruckt, ist das entspannende, gedämpfte grüne Licht unter dem Kronendach, die sauerstoffreiche, von Staub bereinigte Luft, die relative Ruhe mit typischen Waldgeräuschen, die kühlende Sommer- beziehungsweise mildere Winter-Temperatur. Es sind wechselnde Geländestrukturen, Wind- und Sonnenschutz, Luftfeuchte – in Küstenwäldern mit Aerosol-Einträgen aus der See – und variabler Waldgeruch, freigesetzt zum Beispiel im Stoffwechselprozess der Bäume in Gestalt ätherischer Öle, so genannter Phytonzide, die antibakteriell wirken. Das Phänomen der Selbstähnlichkeit – jedes Blatt ist verschieden und weist doch Ähnlichkeit mit anderen Blättern auf – vermag es zusätzlich, gespannte Aufmerksamkeit in physische und mentale Gelöstheit zu verwandeln, berichtet Karin Kraft.

Waldspaziergang als Medizin

Ein Waldaufenthalt bewirkt demnach gänzlich ohne medizinische Notwendigkeit Positives für Körper und Geist. Allerdings steigt die Zahl derer, die ausgiebiger Waldspaziergänge auf Rezept bedürften, mit der wachsenden Entfremdung von der Natur und dem steigenden Stresspegel hochtechnisierter Gesellschaften kontinuierlich an, so Kraft.

In Japan und Südkorea, wo das „Shinrin-Yoku“ oder „Forest bath“ genannte Waldbaden vor dem Hintergrund des „Karoshi“-Phänomens – des Stresstodes – in den 80er-Jahren seinen Ursprung nahm, belegen inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Studien, dass regelmäßige Waldaufenthalte nicht nur Stressfolgen und Burnout vorbeugen. Vielmehr ziehen sie auch bei Herzkreislauf-, Lungen- und weiteren ernsthaften Erkrankungen messbare medizinische Effekte nach sich. Japanische Universitäten forschen seit 2012 intensiv zur „Waldmedizin“ und bieten fachärztliche Spezialisierungen auf diesem Gebiet an.

„Die Studien belegen, dass beim langsamen Gehen durch den Wald die Ausschüttung von Stresshormonen sinkt, Blutdruck, Herz- und Lungenfunktion sich verbessern, die Aktivität des Immunsystems sich erhöht. Der Wald setzt milde Reize für das Immunsystem, regt die Produktion der Gegenspieler von Entzündungsfaktoren an und stimuliert so Regeneration und Heilung“, erklärt die Medizinerin.

Auch in Mitteleuropa laufen inzwischen Untersuchungen zu den genesungsfördernden Wirkungen des Waldes. Beispielsweise wertet ein deutsches Forschungsprojekt unter Mitwirkung der Berliner Charité in Blutproben von circa 100 an unterschiedlichen Erkrankungen leidenden Patienten, die achtsamkeitsbasiertes Gehen im Wald praktizieren, Stress- und Immunparameter aus. Ein Schweizer Forscherteam untersucht aktuell die Auswirkungen des achtsamen Gehens im Wald auf das vegetative Nervensystem und die psychoemotionale Verfassung von 100 Herzkranken in stationärer Reha.

Karin Kraft hat 2015 im Auftrag des Bäderverbandes Mecklenburg-Vorpommern für die Etablierung und Zertifizierung von Kur- und Heilwäldern in MV auf Biometeorologie, Baumbestand und Geländestrukturen fußende körperliche und psychologische Wirkfaktoren von Wäldern dargelegt und Anwendungsbereiche für die Therapie in Kur- und Heilwäldern definiert.

Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen eignen sich demnach ebenso für eine Waldtherapie wie Erkrankungen des Bewegungsapparates, des Immunsystems, Krebs- oder neurologische, psychische oder psychosomatische Erkrankungen. 2017 wies das Land Mecklenburg-Vorpommern in Heringsdorf auf der Insel Usedom einen ersten, 80 Hektar umfassenden Waldabschnitt als Kur- und Heilwald aus.

„Die Therapie in Heil- und Kurwäldern unterscheidet sich deutlich vom Waldbaden“, unterstreicht die Professorin. Ihre im vergangenen Jahr in Kooperation mit einer Reha-Klinik auf Usedom vorgenommene klinische Studie an Patienten mit chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung liefert einen wissenschaftlichen Beleg für die positive Wirkung der Heilwaldtherapie, berichtet sie.

Mit Graal-Müritz, Göhren, Koserow, Sellin und Zinnowitz, mit Sassnitz, Baabe oder Klink, Bad Doberan, Krakow am See, Waren (Müritz) oder Plau am See planen weitere Bäder, Kur- und Erholungsorte das Ausweisen von Kur-und Heilwäldern. Zu Jahresbeginn 2019 startete in Mecklenburg-Vorpommern zudem unter Mitwirkung von Karin Kraft erstmals ein Zertifikationslehrgang „Waldtherapeut“ vornehmlich für Absolventen therapeutischer Berufe, etwa Physiotherapeuten.

Dass ein achtsamkeitsbasierter Waldaufenthalt positive Effekte unter anderem auf die Psyche haben kann, unterstrich Anfang Mai 2019 auch die Medizinerin Prof. Katharina Meyer von dem Schweizer Dienstleister Cardiodyn in einem Vortrag auf der 69. Tagung des Deutschen Forstvereins in Dresden: negative Emotionen, Spannungen, Ängste und Depressionen klängen ab, eine „emotionale Stabilisierung“ werde erreicht.

Meyer plädiert dafür, ähnlich wie in Japan, wo aktuell an 65 „Waldstützpunkten mit Waldtherapiewegen“ die Heilwirkung des Waldes an Patienten dokumentiert wird, Langzeitstudien zu den Leistungen des Ökosystems Wald für die menschliche Gesundheit in die Forschung westlicher Kulturen zu integrieren.

Achtsamkeitspfad zum Nachahmen

Indessen steht im Kottenforst im waldreichen Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg im Sommer 2019 die Eröffnung eines Achtsamkeitspfades bevor. Der Pfad ist eines der Ergebnisse der „European Summer School – Creating Forest Experiences“, zu der die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) im Sommer 2018 junge Menschen aus 60 Nationen nach Bonn eingeladen hatte. In dem vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) geförderten Projekt „Jugendwaldworkshop zum 2. Deutschen Waldtag: Wald.Wir.Zukunft. 2.0“ entwickelten die Teilnehmer innovative Jugend-Wald-Projekte.

Ihr Achtsamkeitspfad besteht aus sechs mit erklärenden Tafeln versehenen Stationen zum Sehen, Hören, Riechen, Gehen, Fühlen und Atmen. Waldbesucher erhalten nach Scannen eines QR-Codes via Handy Anleitungen für kurze, entspannende Übungen per Audiokommentar. Die Druckdateien der Tafeln und die Audiodateien wird die SDW auch Waldbesitzern, Forst- oder Kurverwaltungen anbieten, die ebenfalls einen Pfad zum achtsamen Walderleben anlegen wollen.

Egal, ob mit oder ohne Anleitung – wer sich im Wald entspannt, sollte sich jederzeit achtsam bewegen, Wege und Hinweis- und Warnschilder beachten, die Pflanzen- und Tierwelt respektieren und bei Fragen den zuständigen Förster zu Rate ziehen...

 

Kontakt:

Kompetenz und Informationszentrum Wald und Holz
bei der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.

Martina Plothe
Tel: 03843 6930-311
E-Mail: m.plothe(bei)kiwuh.fnr.de

Erstellt von Martina Plothe

Ob Waldbaden oder Waldtherapie: Der Aufenthalt im Grünen ist eine Wohltat für Körper und Seele. Foto: KIWUH/Martina Plothe
Ob Waldbaden oder Waldtherapie: Der Aufenthalt im Grünen ist eine Wohltat für Körper und Seele. Foto: KIWUH/Martina Plothe
 
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